Arbeiten, wenn andere feiern
Weihnachtsbesuche 2011: Präses Alfred Buß unterwegs im Kirchenkreis Herford

Als zweites steht ein Besuch des Evangelischen Krankenhauses Bünde auf dem Programm. Zeit für ein Gespräch mit den Mitarbeitenden ist immer. Foto: EKvW
BIELEFELD/HERFORD/BÜNDE - Heiligabend 2011, morgens kurz nach halb acht: Es ist dunkel und nasskalt. Es nieselt. Es ist schlichtweg „usselig“ – wie der Westfale sagt. Doch Präses Alfred Buß ist schon auf den Beinen. Startklar für seine letzte Heiligabendtour. Schon seit 2005 ist er an diesem Tag in unterschiedlichen Regionen seiner Landeskirche unterwegs, um Menschen zu besuchen, die arbeiten, wenn andere feiern. Diese traditionellen Weihnachtsbesuche sind ihm wichtig. Er lässt sie sich von niemandem ausreden, keiner kann ihn davon abhalten. Auch nicht die Neonazis, die an diesem Tag in Bielefeld demonstrieren, eine ganze Stadt in Aufruhr versetzen und auf eine Mauer des kollektiven Widerstandes stoßen.
Wenn es darum geht, Hass, Fremdenfeindlichkeit und braunem Gedankengut die Stirn zu bieten, ziehen in Bielefeld alle Religionen, Kulturen und politischen Gruppierungen an einem Strang. Mehr als 6.500 Gegendemonstranten werden den etwa 70 Neonazis später zeigen: Für euch ist in unserer Stadt kein Platz!
Auch Alfred Buß hat schon früh zum Widerstand aufgerufen, hat die Weihnachtsbotschaft von der Barmherzigkeit Gottes, von der göttlichen Kraft, die in den Schwachen mächtig ist, dem brutalen Faustrecht der Nazis entgegengesetzt. Buß hat überlegt, an diesem Tag selbst zu demonstrieren, dann aber an seinen lange geplanten Weihnachtsbesuchen festgehalten. Denn: „Ich lasse mir den Tag von den Rechten nicht kaputtmachen.“ Schließlich sind die Besuche für den leitenden Theologen der westfälischen Landeskirche aufrichtiges Zeichen der Wertschätzung und Dank für gesellschaftspolitisches und diakonisch-soziales Engagement, das oft im Verborgenen geschieht und als selbstverständlich erachtet wird – für eine funktionierende Gesellschaft aber unverzichtbar ist.
Eine Änderung gibt es dann aber doch: Statt zwei stehen in diesem Jahr drei Stationen auf seinem Programm. Am Ende der Tour wird der Präses noch im Bielefelder Polizeipräsidium vorbeifahren, um einigen diensthabenden Beamten am Heiligen Abend zu danken – stellvertretend für die mehren Hundertschaften aus ganz Nordrhein-Westfalen, die an diesem Tag in Bielefeld im Sondereinsatz sind.
1. Station: JVA Herford
Doch erst einmal geht es Richtung Herford. In die Justizvollzugsanstalt mit über 370 Haftplätzen für jugendliche Straftäter zwischen 14 und 24 Jahren. Anstaltsleiter Friedrich Waldmann, seine Stellvertreterin Elke Jungeblodt und der Herforder Sozialpfarrer Holger Kasfeld warten schon. Doch erst muss die Sicherheitsschleuse am Eingang passiert werden. Der Dienstwagen darf in den Innenhof, doch die Personalausweise bleiben an der Pforte. Überall Gitter – Schlösser – Zellentüren. Eine im wahrsten Sinne des Wortes „abgeschlossene Welt“.
In einem Flügel des im 19. Jahrhunderts errichteten Kreuzbaus liegt die Gefängniskapelle. Hinter der schweren Eisentür öffnet sich schon wieder eine ganz eigene Welt. Eine Kirchenwelt. Mit Altar und Kreuz, bunten Glasfenstern und Orgel, Kerzenschein und schön geschmücktem Tannenbaum. Zwei junge Männer begrüßen die Besucher mit einem freundlichen „Frohe Weihnachten!“ und verteilen Liedzettel, Gefängnisseelsorger Paul-Gerhard Kenter trifft mit den mitwirkenden Jugendlichen noch die letzten Vorbereitungen.
Gegen neun Uhr drehen sich die Schlüssel in der Eisentür, dann betreten etwa 60 Jugendliche in Begleitung einiger Beamter den Kirchraum. Der Weihnachtsgottesdienst kann beginnen. Die Glocke wird hier noch per Hand geläutet. Einer der Jungs, die alle Jeans und blaue Sweatshirts tragen, spielt Klavier. Nach dem ersten Teil der Weihnachtsgeschichte singt der „Gefangenen-Chor“, wie Pfarrer Kenter „seine Jungs“ liebevoll und – zu recht – auch ein wenig stolz nennt, das Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns...“. Worte, die hier hinter Gefängnismauern plötzlich eine ganz andere Intensität bekommen.
Auch das von einem inhaftierten Jugendlichen gesprochene Gebet geht unter die Haut: „Gott, wir stehen vor dir, jeder wie alle mit grauen oder blauen Klamotten am Leib, als wären wir alle gleich, als wäre nicht Weihnachten, sondern Schicht. Aufgeschlossen hat man uns, rausgelassen, abgezählt, durchgeschlossen, reingelassen. An den vielen Kontrollen und Sperren zerbröckelt unser Gefühl, ein eigener Mensch zu sein. [...] Dichtmachen möchten wir vor Angst, noch mehr verletzt zu werden, den Rest an Selbstachtung zu verlieren. Lieber bleiben wir steif als uns anrühren zu lassen durch dieses Fest. [...] Keine Familie, kein Vertrauen, keine Freiheit, kein Frieden in uns, keine Kinder, kein Stern am Himmel unseres Lebens, der zeigt, wie es weitergeht, keine echte Bescherung. Wir müssen Weihnachten viel tiefer verstehen, Gott. [...] Du wolltest von Anfang an bei den Armen und nicht bei den Reichen sein, eher bei den Kaputten als bei den Leuten mit weißer Weste. Dann aber ist auch das Gefängnis der richtige Ort für Weihnachten. Wir müssen nur still werden, die verkniffenen Augen öffnen, echt zuhören und nachdenken über dich, Gott, und über Jesus, deinen Retter und Befreier der Menschen. [...] Wir könnten wieder glauben: Wir sind doch nicht der letzte Dreck. Für dich jedenfalls bedeuten wir viel. Bei dir haben wir alle eine Chance.“
Solche Sätze bleiben haften, brennen sich ein, berühren. Noch lange nach dem abschließenden „Amen“. Pfarrer Paul-Gerhard Kenter und Präses Alfred Buß machen den Jugendlichen in ihren kurzen Ansprachen Mut, Gefühle zu zeigen, ihre Macho-Masken abzulegen und so offen zu werden für die heilsame Gnade Gottes und die Weihnachtsbotschaft: Gott ist in den Schwachen mächtig. Die heilsame Gnade Gottes, so Buß, könne oft in kleinen Gesten und Worten wirken – einem freundlichen Lächeln oder einfachen „Ich mag dich. Du bist mir wichtig. Ich suche den Kern in dir!“
Zum Schluss erklingt das gemeinsame „O du fröhliche...“. Und bevor es zurück in die Einsamkeit der Zellen geht, erhalten die Jugendlichen ein Teelicht, einen Kalender und eine – von Präses Alfred Buß mitgebrachte und fair gehandelte – Tafel Schokolade.
Die Jugendlichen des Gefangenen-Chores dürfen noch bleiben. Kenter, der mittlerweile seit 24 Jahren als Gefängnisseelsorger arbeitet, hat zum gemeinsamen Frühstückskaffee selbst gebacken Kuchen mitgebracht. Auch für Anstaltsleiter Waldmann, seine Kollegin Jungeblodt und den Präses ist noch ein Platz in der Runde frei.
Nach einer Weile tauen die Jungs auf. Erzählen, warum sie im Chor sind, dass sie das Miteinander schätzen, die Mitwirkung im Gottesdienst, die befreiende Wirkung der Lieder und auch den freundlichen Umgangston untereinander, der so ganz anders sei als oftmals bei der Arbeit. Die neun jungen Männer, alle mit ihren ganz eigenen persönlichen Geschichte, sind höflich, den Gästen gegenüber aufmerksam, fast ein wenig schüchtern, und scheinen sich ehrlich über den Besuch aus Bielefeld zu freuen.
Nicht nur über das kleine Mitbringsel, sondern vor allem über das echte Interesse, das der Präses an ihnen zeigt. Die Zeit zum Zuhören – und das Lob über den Gottesdienst, der ihn wirklich bewegt hat. Er war so ganz anders, als die Gottesdienste und Christmetten, die am Nachmittag und Abend landein landaus noch in allen Kirchen gefeiert werden. Fernab jeglicher „Heile-Welt“-Illusion. Aber ehrlich und intensiv. „Das ist wirklich Weihnachten“, wird der Präses später noch im Auto sagen...
Bevor es weiter ins evangelische Lukas-Krankenhaus nach Bünde geht, trifft sich Buß auf dem so genannten „Spiegel“, dem Mittelpunkt des Kreuzbaus, noch mit diensthabenden Mitarbeitern. Er dankt ihnen sowohl für die Sicherheit der Gesellschaft als auch für die Perspektiven, die sie den jugendlichen Straftätern böten. „Sie wissen, dass Gewalt hier an der Tagesordnung ist. Aber Sie wissen auch: Hier geht es um Menschen. Mit Ihrem Spagat zwischen dem, was man weiß und dem, was man fühlt, zwischen Wertschätzung und Härte, leisten Sie einen ganz unverzichtbaren Dienst für uns alle!"
2. Station: Lukas-Krankenhaus Bünde
Zeit zur Weiterfahrt. Nach einer knappen halben Stunde ist Präses Alfred Buß pünktlich um zwölf im evangelischen Lukas-Krankenhaus in Bünde angekommen. Hier gibt’s ein paar Betten weniger als im Knast: „nur“ 345. Aber ebenso engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die rund um die Uhr für Menschen in Not da sind.
Zum „Empfangskomitee“ gehören der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Rediker, Pflegedirektorin Renate Letsch, Klinikseelsorger Hanno Paul, Superintendent Michael Krause und Helmut Diekmann, Vorsitzender des Aufsichtsrates. Bei leckerer Erbsen- und Möhrensuppe gibt es in der Krankenhauskantine erst einmal die wichtigsten Daten und Fakten rund um das Haus: vom dänischen Tippelbruder, der 1890 als erster Patient im Haus behandelt wurde, über das Engagement des Trägervereins „Evangelisches Krankenhaus Bünde“, die Strukturen und aktuellen (Um-)Baupläne bis hin zum inzwischen längst selbstverständlichen Qualitätsmanagement der Klinik und das breite Spektrum haupt- und ehrenamtlichen Engagements zum Wohle der Patienten. Da gibt es die „Grünen Damen“, das „Fröhliche Krankenzimmer“ für Kinder, das Kunstkreis, die Krankenhausbücherei und die Mitte der 90-er Jahre von Pfarrer Hanno Paul mitinitiierte Hospizgruppe. Doch dazu später mehr.
Der Rundgang des Präses beginnt im oberen Stockwerk auf der „Wahlleistungsstation“ und führt ihn über die Unfallchirurgie, die Geburtsstation und den Kreißsaal auf die Intensivstation und die Notfall-Ambulanz bis zur Palliativstation. Hier ticken die Uhren anders, von Hektik und Eile keine Spur. Die gleichen warmen Farben wie auf der Geburtsstation, eine ebenso freundliche, entspannte Atmosphäre. Anfang und Ende des Lebens liegen hier nur wenige Treppenstufen voneinander entfernt. Freude und Trauer. Verbunden durch die menschliche Wärme und ganz besondere Atmosphäre, die im ganzen Haus herrschen.
„Unsere Werte“, die in jedem Stationszimmer des Lukas-Krankenhauses groß und gerahmt an der Wand hängen, sind hier nicht nur theoretische Unternehmensphilosophie, sondern praktischer Alltag. Dazu zählt – neben der exzellenten medizinischen Versorgung – vor allem die diakonische Identität und die Achtung des Menschen als Geschöpf Gottes. Unabhängig von seiner „Leistungsfähigkeit und seinem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen“. Freundlichkeit, Respekt, Loyalität, Ehrlichkeit und Fairness bestimmen die Atmosphäre des evangelischen Krankenhauses. Dafür zollt auch der Präses Respekt.
Dass man manchmal „nicht lange reden, sondern einfach machen muss“, wie Renate Letsch sagt, zeigt die im gesamten Kreis Herford einzigartige Palliativstation. Die Idee kam im Mai 1999 auf, das Konzept stand im darauffolgenden September, und die ersten Patienten kamen im Oktober. Und das, obwohl die offizielle Anerkennung durch das Land NRW erst im Sommer 2004 erfolgte.
Für Buß ein „tolles Beispiel, was bewirkt werden kann, wenn man Visionen hat“. Und für betroffene Patienten ein Segen. Hier wird der Tod nicht tabuisiert, hier wird niemand mit seinen Ängsten und Schmerzen allein gelassen. Pflegepersonal, Seelsorger und Ehrenamtliche der Hospizgruppe kümmern sich liebevoll und einfühlsam um Sterbende und ihre Angehörigen. Tag und Nacht. Der Mensch bestimmt den Rhythmus, nicht die Uhr.
Überall, wo der Präses hinkommt, ist Zeit für ein kurzes Gespräch mit den Mitarbeitenden, die gerade im Dienst sind. Zeit für ein herzliches Dankeschön, gute Weihnachtswünsche und die Übergabe der mitgebrachten bunten Weihnachtstüten – mit Kaffee, Tee und Cappuccino, Plätzchen und Schokolade, Nüssen und getrockneten Früchten. Alles fair gehandelt.
3. Station: Polizeipräsidium Bielefeld
Kurz nach 14 Uhr. Es geht zurück nach Bielefeld. Zur letzten Station: ins Polizeipräsidium. Während die Neonazis die Stadt wieder verlassen und sich die ersten Einsatzkräfte auf dem Weg zurück zu ihren Familien machen, wird in der Einsatzzentrale im Polizeipräsidium an der Kurt-Schumacher-Straße noch rotiert. Trotzdem nehmen sich Polizeioberrat Michael Borchardt und Polizeirat Thomas Hochhaus die Zeit für ein Gespräch und informieren den Präses über den Verlauf der Demonstration. Buß verspricht, sich für ein verstärktes Engagement der Kirche im Bereich der Prävention einzusetzen. Damit sich das braune menschenverachtende Gedankengut gar nicht erst in den Köpfen Jugendlicher festsetzt.
Als Buß wieder in den Dienstwagen steigt, ist es kurz nach 15 Uhr. Jetzt sind es nur noch ein paar hundert Meter bis nach Hause. In die Kantstraße. Alfred Buß ist ein wenig müde nach dieser gut siebenstündigen Heiligabendtour mit vielen Eindrücken und intensiven Begegnungen. Aber er weiß, dass es die richtige Entscheidung war, auch in an diesem Heiligen Abend – seinem letzten vor dem Eintritt in den Ruhestand – wieder unterwegs bei den Menschen gewesen zu sein. Bei denen, die arbeiten, wenn andere feiern.
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