Ob Dauerbrenner oder akute Themen: Als westfälische Landeskirche beziehen wir Position. Auch zu »heißen Eisen«.
Sexualität verantwortlich gestalten

Was sagt die Kirche zur gleichgeschlechtlichen Liebe?

Ausgehend von der Hauptvorlage »Familien heute« hat sich die Landessynode seit 2012 intensiv das Thema »gleichgeschlechtliche Liebe« diskutiert. Mit handfesten Ergebnissen.

Zur Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen 2012 wurde die Hauptvorlage »Familien heute. Impulse zu Fragen der Familie« vorgelegt. Ihr Anliegen war, die in Veränderung begriffene familiäre Wirklichkeit wahrzunehmen, ihre vielfältigen neuen Formen zu würdigen, uns mit unseren kirchlichen Angeboten darauf einzustellen und Familie auf diese Weise zu stärken. Dies geschah nicht in kritikloser Anpassung an den gern verunglimpften »Zeitgeist«, es hatte seinen Grund vielmehr in der Treue zum Kernauftrag unserer Kirche. Wo wir von Familie sprechen, braucht es Verlässlichkeit und Treue, gegenseitige Verantwortung auf Dauer, fürsorgliches Einstehen füreinander. Diese Kriterien sind unaufgebbar für jede Form familiären Zusammenlebens.

In der intensiven Diskussion der Hauptvorlage wurde deutlich, dass dies auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften gilt. Die folgende Landessynode plädierte 2013 deshalb für einen Weg, der in Fortentwicklung der bisher geübten pastoralen Begleitung die gottesdienstliche Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ermöglicht.

Der Ständige Theologische Ausschuss wurde beauftragt, im Zusammenhang der Diskussion um die Hauptvorlage Hermeneutik und evangelisches Schriftverständnis in verständlicher Sprache darzulegen. Der Ausschuss legte der Landessynode daraufhin einen Text mit dem Titel »Die Bibel lesen und Familien begegnen. Evangelisch die Schrift verstehen und auslegen« vor. Der Text schloss mit den Worten, dass »aus biblischer Sicht somit eine Verurteilung von Homosexualität, sofern es sich um eine gleichberechtigte, partnerschaftliche Beziehung handelt, nicht zu rechtfertigen [ist]. Vielmehr legt sich nahe, dass die positiven Aussagen zur Partnerschaftlichkeit und verantwortlichen Verbindlichkeit des Zusammenlebens von Mann und Frau in ähnlicher Weise auch auf entsprechende gleichgeschlechtliche Formen des Zusammenlebens bezogen werden können.«

Die Landessynode hat, dies aufnehmend, im Jahr 2014 beschlossen:

»Paare, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, können öffentlich in einem Gottesdienst gesegnet werden. Voraussetzung für diese Segnung ist, dass eine der zu segnenden Personen evangelisch ist. Die Segnung ist pfarramtlich zu dokumentieren. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer, die oder der aus Gewissensgründen eine solche Segnung nicht vornehmen kann, verweist das Paar an die Superintendentin oder den Superintendenten, die oder der für die Durchführung der Segnung sorgt.  Die Kirchenleitung wird beauftragt, geeignetes liturgisches Material zur Verfügung zu stellen.«

Seither gibt es in der Evangelischen Kirche von Westfalen die Möglichkeit, dass Paare in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft öffentlich in einem Gottesdienst gesegnet werden können. Analog zur Trauung setzt diese Segnung die öffentlich-rechtliche Eintragung der Partnerschaft voraus. Die entsprechende Bescheinigung ist der Pfarrerin oder dem Pfarrer vorzulegen. Ein Gottesdienst zur Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares kann ohne jede Einschränkung seiner Öffentlichkeit stattfinden. Eine der zu segnenden Personen muss evangelisch sein. Die Segnung ist kirchlich zu dokumentieren; dazu wird ein eigenes Verzeichnis innerhalb des EDV-Programms KirA (Kirchlicher Arbeitsplatz) geschaffen.

Pfarrerinnen und Pfarrer sind zuständig, wenn eine der beiden zu segnenden Personen zu ihrer Gemeinde gehört. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer, die oder der die Segnung aus Gewissensgründen nicht vornehmen will, verweist das Paar an die Superintendentin oder den Superintendenten. Die Superintendentin oder der Superintendent sorgt entweder selbst oder durch Delegation für die Durchführung der Segnung.

In mehreren Elementen der neuen Regelung für eine öffentliche Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares werden Analogien zur kirchlichen Kasualpraxis besonders zur Trauung deutlich. So sind für die Gestaltung eines evangelischen Gottesdienstes zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare die drei Elemente unverzichtbar, die nach reformatorischem Verständnis (Martin Luthers Traubüchlein) für eine Trauung als konstitutiv gelten: Gottes Wort, Gebet und Segen. Dass sowohl bei der Trauung als auch bei der Segnung weitere liturgische Elemente hinzutreten und diese einander ähnlich sein können, entspricht der möglichen Gestaltungsfreiheit evangelischer Gottesdienste.

Aber auch Unterschiede sind auszumachen: Rechtliche Bedingung ist die eingetragene Lebenspartnerschaft und nicht eine Eheschließung. Die Handlung selbst ist als Segnung zu bezeichnen und nicht als Trauung. Die liturgischen Texte sind keine agendarisch verpflichtende Ordnung.
Diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede können auch im Vorfeld oder zu Beginn des Segnungsgottesdienstes benannt werden.

Nach den zum Teil kontroversen Debatten, die wir in unserer Landeskirche und ihren Gremien zu diesem Thema hatten, ist es höchst erfreulich, dass wir uns nun in großer Einmütigkeit gemeinsam auf diesen Weg machten konnten. [...] Ich danke allen, die auf dem Diskussionsweg in Für und Wider mit uns unterwegs waren. Im Wissen darum, dass wir uns dabei im Vorletzten bewegen, haben wir uns mit umso tieferem Ernst der Tragweite der Diskussion gestellt. Es geht nicht ums Letzte. Für unser Heil wird Gott allein sorgen. Aber es geht um die Würde und das Wohl vieler Menschen und damit um die Ehre Gottes. Es geht darum, wie wir die Liebe, die wir von Gott erfahren, spürbar und glaubwürdig in unserer Kirche und in der Gesellschaft leben und weitergeben.

(aus der Einleitung von Präses Annette Kurschus in die liturgischen Materialien für einen Segnungsgottesdienst für Paare in eingetragener Lebenspartnerschaft)

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Hier finden Sie das »Material für Segnungsgottesdienste für Paare in eingetragener Lebenspartnerschaft« zum Herunterladen.

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