Die Jahreslosung 2012
Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig
(2. Korintherbrief 12,9)
Eine Auslegung von Präses Alfred Buß

- Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen. Foto: EKvW
Bei der Reise unserer Kirchenleitungsdelegation im letzten Oktober nach Ungarn wurden wir Zeugen eines zuvor nie gesehenen Tanzes voller Anmut, Grazie und Energie:
Tamás, ein junger Mann mit spastischer Behinderung, zieht alle Anwesenden in den Bann. Allein könnte er nicht tanzen. Es wäre ihm ummöglich. So führt ihn eine Tanzpartnerin. Sie hält seinen zerbrechlichen Körper, fängt seine zuckenden Ausbrüche auf, leitet seine Füße und Arme in fließende Bewegungen – und doch tanzt und gleitet Tamás selbst mit einer unwiderstehlichen Ausdruckskraft. Beide tanzen miteinander und sie tanzen eine Geschichte. Es ist die Geschichte von gegenseitiger Zuwendung und wechselseitiger Annahme. Kraftvoller Tanz in aller Schwachheit.
Wer ist schwach und wer ist stark? Wer gibt hier und wer empfängt? Es lässt sich nicht unterscheiden. Die Übergänge sind fließend.
Die Jahreslosung 2012 bringt es auf den Punkt.
Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig
(2. Kor 12,9)
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, das klingt paradox. Die gewohnte Sichtweise wird auf den Kopf gestellt. Das ist ein Perspektivwechsel, den wir nötig haben. Auch in unserem Alltag, wenn wir uns und unsere Nächsten wahrnehmen. Tamás’ Tanz wird zum Sinnbild solchen Perspektivwechsels. Geben und Nehmen, Stärke und Schwachheit fließen ineinander und verschwimmen.
Bei Gott gilt nicht survival of the fittest, das Überleben der Schönsten, Unfehlbaren, Leistungsfähigen. Kein Mensch lebt nur sich selbst. Wir leben gemeinsam. Aufeinander angewiesen sind wir, bedürftig und schwach. Kein Mensch kann sich selber hervorbringen, sich in der eigenen Hand bergen oder sich selber beabsichtigen. Leben ist unverfügbar. So sieht uns Gott.
Genau genommen ist die Jahreslosung nur die Hälfte eines Verses aus dem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Im Ganzen lautet er: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig “ (2.Kor.12,9)
Gnade kommt auf uns zu. Im Lateinischen heißt Gnade gratia. Es gibt sie nur gratis, nur als Geschenk. Auch den Tanz zu erleben war ein Geschenk, war Gnade.
Manfred Siebald hat mit dem Lied „Ins Wasser fällt ein Stein“ (eg 659) Worte dafür gefunden, wie das Geschenk der Gnade uns Gottes Liebe aufschließt:
Ins Wasser fällt ein Stein,
ganz heimlich, still und leise,
und ist er noch so klein,
er zieht doch weite Kreise.
Wo Gottes große Liebe
in einem Menschen fällt,
da wirkt sie fort
in Tat und Wort
hinaus in uns're Welt.
Ein Funke, kaum zu seh'n,
entfacht doch helle Flammen,
und die im Dunkeln steh'n,
die ruft der Schein zusammen.
Wo Gottes große Liebe
in einem Menschen brennt,
da wird die Welt
vom Licht erhellt,
da bleibt nichts,
was uns trennt.
Nimm Gottes Liebe an.
Du braucht Dich nicht allein zu müh'n,
denn seine Liebe kann
in deinem Leben Kreise zieh'n.
Und füllt sie erst dein Leben
und setzt sie dich in Brand,
gehst du hinaus,
teilst Liebe aus,
denn Gott füllt dir die Hand
Gott füllt uns die Hand, nicht wir selber. Gnade genügt. Diese Erfahrung wünsche ich uns in einem gesegneten Jahr 2012!

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