Ängste vor Islam nicht weiter schüren
Engagierte Podiumsdiskussion in Paderborn über den Bau von Minaretten

Sehen die Diskussion um den Bau eines Minaretts als Chance für die Religion, wieder stärker in das Bewusstsein der Menschen zu rücken: (v.li.) Wolfgang Weigel (Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft), George Georges (Vorsitzender des Arabisch-Deutschen Freundeskreis), Moderatorin Susanne Stork sowie Pfarrer Gerhard Duncker, Kirchenrat der Evangelischen Kirche von Westfalen. Foto: Axel Langer
Eigentlich war die von der Deutsch-Türkischen Gesellschaft und dem Arabisch-Deutschen Freundeskreis geplante Podiumsdiskussion nach der Volksabstimmung in der Schweiz entstanden. Eine Mehrheit der Schweizer hatte sich in der Abstimmung für ein Bauverbot von Minaretten ausgesprochen. Doch die Pläne in Bad Lippspringe, ein 17,5 Meter hohes Minarett an eine bestehende Moschee anzubauen, beeinflusste die Diskussion der gut 100 Gäste in der Kulturwerkstatt Paderborn erheblich.
Als Referent konnten Wolfgang Weigel (Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft) und George Georges (Vorsitzender des Arabisch-Deutschen Freundeskreis) Pfarrer Gerhard Duncker gewinnen. Als Kirchenrat ist Duncker in der Evangelischen Kirche von Westfalen für den Christlich-islamischen Dialog zuständig.
Ein sehr emotionales Thema
Duncker war von 1993 bis 2002 als Pfarrer der evangelischen Gemeinde in der Türkei tätig. „Wir haben es hier mit einem sehr emotionalen Thema zu tun“, stieg Duncker direkt ein. „In Deutschland herrscht Religionsfreiheit, so dass der Bau eines Minaretts eine Frage des Baurechts ist. Ich persönlich habe nichts gegen den Bau von Minaretten“, machte Duncker klar. Nach Ansicht des Theologen sind vor Ort eine Vielzahl von Gesprächen mit viel Fingerspitzengefühl nötig, um den Menschen die Ängste zu nehmen.
„Die öffentliche Religionsausübung ist ein Grundrecht, allerdings sollten beide Seiten auf Provokationen verzichten“, appelliert Duncker an die Gesprächsbereitschaft zwischen Christen und Muslimen. Jedoch fürchtet Duncker, dass eine Volksbefragung in Deutschland wohl ein ähnliches Bild wie in der Schweiz haben dürfte. Duncker versuchte diese Probleme auch zu ergründen: „Werfen Sie einen Blick in die Medien. Hier wird der Islam fast nur aus dem negativen Blickwinkel gezeigt.“
Mehr Einsatz für Christen in der Türkei gefordert
Eine Mischung aus Ängsten, Vorurteilen und vielfach Halbwissen schürt die Emotionen. Für viele Christen ist das Minarett das Symbol des Islam. „Viele negative Schlagzeilen, die besonders durch den politischen Islam hervorgerufen werden, prägen das Image des Islam bei uns“, so Duncker. Der Theologe forderte von den muslimischen Verbänden in der Türkei mehr Einsatz für christliche Religionen in der Türkei.
„Pfarrer dürfen nur als Mitglied des diplomatischen Dienst einreisen und seit Anfang der 70er Jahre gibt es in der Türkei keine Ausbildung christlicher Geistlicher mehr“, sieht Duncker die Christen in der Türkei vor viele Probleme gestellt. „Entgegenkommen an dieser Stelle würde es den Muslimen in Deutschland sicher leichter machen“, stellte Gerhard Duncker fest.
"Wir haben Angst vor den Angstmachern, nicht vor den Gläubigen!"
Die überwiegend muslimischen Zuhörer wollten mehr über die Ängste der Deutschen erfahren, doch die hielten sich eher zurück. „Die Trennung von Kirche und Staat ist in vielen muslimischen Ländern nicht mehr erkennbar, obwohl es eine Reihe von demokratischen Staaten gibt, in denen der Islam als Religion gelebt wird. Wir haben Angst vor den Angstmachern, nicht vor den Gläubigen, die ihren Glauben aufrichtig leben“, so Wolfgang Weigel, der an die Muslime appellierte, sich nicht nur als Religionsträger sondern auch als Demokrat zu zeigen.
Kirchenrat Duncker sprach sich bei der Diskussion deutlich für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern in Deutschland aus. „So wären wir nicht mehr nur von der Türkei abhängig und es würde in den Moscheen mehr deutsch gesprochen“, so der Theologe. Ömer Karaca, Sprecher der Moschee in Bad Lippspringe, die ein Minarett bauen möchte, sieht in dem Minarett kein Machtsymbol. „Wir wollen das Minarett nicht brachial durchsetzen, sondern mit den Kirchen und Politikern reden“, machte Karaca deutlich.
Minarette machen Religion zum öffentlichen Thema
Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darin, dass die Diskussion um das Minarett eine große Chance bietet, Religion öffentlich zum Thema zu machen. „In Zeiten in denen viele Menschen unter Religionsfreiheit das Entfernen von Kreuzen aus Schulräumen verstehen, bedeutet diese Diskussion neue Impulse“, betonte der Kirchenrat. (Axel Langer)



