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Dortmund: Engagierte Diskussion über Allianzen in der Flüchtlingsarbeit

»Wir schaffen das – nur gemeinsam«

Es war eine hochkarätig besetzte Veranstaltung in der Dortmunder Pauluskirche: Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, und Carina Gödecke, Präsidentin des Landtages NRW, waren am Dienstagabend (16. Februar) prominente Gäste, die im Gespräch mit Fachleuten und Engagierten aus der lokalen und regionalen Flüchtlingsarbeit das Thema des Abends »Wir schaffen das – nur gemeinsam« ausloteten.

Rund 4.000 Flüchtlinge hat Dortmund im letzten Jahr aufgenommen, zwei Jahre zuvor waren es noch 550. In ganz NRW ist die Zahl sogar auf 330.000 Menschen gestiegen. Zwischen dem euphorischen »refugees welcome« und der Forderung, die »Festung Europa« dichtzumachen, scheint die Stimmungslage in der Bevölkerung zu pendeln.

Für Pfarrer Michael Mertins, der sich mit seiner Christusgemeinde im Dortmunder Westen seit Jahren für die Hilfesuchenden engagiert, ist es eindeutig. »Ohne Bedingungen sagen wir: Ihr seid alle Kinder Gottes. Es ist völlig egal, ob wir uns die Hilfe leisten können, wir müssen es tun«, sagte er in der Pauluskirche.

Sehrt schnell war klar an diesem Abend: Die Aufnahme von Flüchtlingen bedeutet für die Kommunen eine große Belastung, die sie nur gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden stemmen können.

Positiv: Immer mehr Menschen engagieren sich für die Flüchtlinge als Ehrenamtliche und Freiwillige, die in großem Stil Netzwerke bilden. Als Vertreter dieser Netzwerke und Wohlfahrtsverbände waren Uta Schütte-Haermeyer (Diakonie Dortmund), Superintendent i. R. Paul Gerhard Stamm, Pfarrer Friedrich Stiller, Christina Kaiser (Leiterin der Übergangseinrichtung Adlerstraße), Pfarrer Mertins und Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW mit dabei.

»Wir schaffen das.« Den von der Kanzlerin ausgegebene Slogan aufnehmend, betonte Superintendent Ulf Schlüter in seinem Grußwort, dass dafür ein politisch klarer Wille notwendig sei. »Längst ist deutlich, große Worte reichen nicht aus.«

Auf stabile Netzwerke und Allianzen setzt Ulrich Lilie. Dabei würden vor Ort Kirchen, Wohlfahrtsverbände und Vereine eine große Rolle spielen. Wolle man ein »Deutschland mit einem hellen Gesicht und ein flüchtlingsfreundliches Europa«, dann seien nicht nur Organisationen, sondern auch einzelne Personen gefordert. »Wir brauchen keine Zuschauer, sondern Leute, die vor Ort Teil der Lösung sind«. Schließlich stehe man vor einer großen historischen Herausforderung.

Carina Gödecke knüpfte daran an. »Macht mit, stellt euch nicht abseits«, war ihre Aufforderung. Das ehrenamtliche Engagement in der Flüchtlingshilfe sei deshalb durch nichts zu ersetzen. »Es geht um das solidarische Miteinander, den Kern, der unsere Gesellschaft ausmacht.« Die überwiegende Mehrzahl der Deutschen spreche sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aus und lehne rechte Parolen ab. Nach wie vor gebe es eine Welle der Hilfsbereitschaft, aber auch das genaue Gegenteil.

»Übergriffe gegen Flüchtlinge und ihre Heime, Forderung nach Obergrenzen, Abschiebung und Schießbefehl.« Die Umfragewerte für die AfD beunruhige sie. »Denkt man konsequent weiter, geht es um die Demokratie.« Als Christ, Demokrat oder Humanist könne man nur »Nein sagen zum Rechtsextremismus, zu den Bürgerwehren, zum Antisemitismus.«

Sorge bereite ihr die parteipolitische Instrumentalisierung der hohen Flüchtlingszahlen. »Politische Orientierungslosigkeit und Streit verstärken den Zulauf zu denen, die einfache Problemlösungen anbieten.« Für sie ist klar, dass die finanzielle Ausstattung der Kommunen unzureichend ist, auch nach der Mittelaufstockung auf vier Milliarden Euro.

Sie unterstützt die Forderung nach einer weiteren Aufstockung auf zehn Milliarden. »Neben den Unterkünften und der Versorgung von Flüchtlingen ist deren Integration anzugehen.«

Pfarrer Friedrich Stiller forderte eine  »Integration ohne Verlierer«. »Wenn wir uns auf die Flüchtlinge konzentrieren, dann dürfen wir andere nicht vergessen.« Auch Lilie forderte »die Verlierer, die wir ohnehin in der Gesellschaft haben, nicht noch mehr an den Rand zu drängen.«

Die Akteure vor Ort berichteten in Talkrunden und Kurzinterviews von Licht und Schatten. Licht: Christiane Kaiser, Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft in Dortmiund, lobte die Hilfe von Freiwilligen. Rund 100 würden die 20 Hauptamlichen unterstützen. Das Altersspektrum reiche von Konfigruppen bis hin zu Hochbetagten. Nicht nur Anwohner des Unionviertels auch Menschen aus anderen Städten hätten ihre Hilfe angeboten.

Schatten: »Die Ehrenamtlichen werden in Dortmund total unterschätzt«, beklagte sich Paul Gerhard Stamm. Die Stadt sei mit ihnen »völlig überfordert«, auch die Wohlfahrtsverbände würden sich schwer tun. Stamm bemängelte das Fehlen eines Runden Tisches Flüchtlinge und einer kommunalen Ehrenamtskoordination. Er kündigte an, dass die Ehrenamtlichen ein eigenes Netzwerk aufbauen würden. Im März soll es dafür eine Auftaktveranstaltung geben.

Zu der Veranstaltung hatten die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, die Evangelische Fachschule Rheinland-Westfalen-Lippe und der Evangelische Kirchenkreis Dortmund in Kooperation mit der Ruhrsuperintendenten-Konferenz eingeladen. (KK Dortmund)

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