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Weihnachten 2016

Wir brauchen das Licht der Weihnacht nötiger denn je

Von Präses Annette Kurschus

Nichts ist allgegenwärtiger, nichts buchstäblich offensichtlicher und nichts lebensnotwendiger als Licht. Ohne Licht gäbe es nichts zu sehen; Pflanzen könnten weder grünen noch Sauerstoff produzieren; kein Tier würde atmen, kein Korn würde wachsen und auch kein Weihnachtsbaum, kein Brot würde gebacken und auch keine Lebkuchen. Nichts ist rätselhafter als das Licht. Die Physiker sagen, Licht sei Welle und Materie zugleich. Und wenn jemand einwendet, das passe doch nicht zusammen, dann antworten sie: »Stimmt!«. Was allgegenwärtig und offensichtlich und lebensnotwendig ist, kann – wenn es fehlt - schmerzlich vermisst werden. Zu manchen Zeiten wird nichts verzweifelter gesucht und ersehnt als Licht. Von klein auf stecken dieses Wissen und diese Erfahrung in uns: Mit dem Dunkel kommt die Angst. Und mit dem Licht weicht sie. Merkwürdig, wie der Horizont, der - je nach Jahreszeit - irgendwann zwischen halb fünf und halb acht vom Nachtschwarz in sehr dunkles Grau übergeht, einem nicht nur ins Auge fallen kann, sondern auch ins Herz. Oder der eine Stern, der seinen Schein durch die dezemberdichte Wolkendecke schickt. Oder das eine erleuchtete Fenster in der schwarzen Hausfassade. Merkwürdig, dass ein schmaler Strich aus Licht es nicht nur außen heller macht, sondern wirklich in uns drin. Und wie er Vorfreude und Erwartung weckt auf die Schönheit und Güte des Lebens, auf Vertrauen und Liebe zwischen Menschen, auf die Freundlichkeit von Erde und Himmel. Auch wenn da noch so viel Nacht, noch so viel Einsamkeit und noch so viel Verlorenheit sind. So viel unbegreiflicher Hass, der sich in blinder Gewalt entlädt und Menschen in Angst und Schrecken versetzt. An so vielen Orten der Welt. Auch hier, bei uns. »Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt«, heißt es im Buch des Propheten Jesaja. Und mit einem Mal sind das Licht über uns und das Licht in uns ganz nah beieinander. In einem Atemzug kann man diesen Satz aussprechen. Und wirklich – im ersten Atemzug des Gottes- und Menschenkindes Jesus von Nazareth kommt für den christlichen Glauben beides zusammen und bleibt untrennbar beieinander, was doch angeblich gar nicht zusammen passt: Die Macht des Kosmos und das verletzliche Leben.
Der Glanz Gottes und die Würde des Menschen.
Die Nacht des Todes und das Licht der Welt. In aller Angst und allem Schrecken brauchen wir das Licht der Weihnacht nötiger denn je. Möge es hell werden in Ihnen und über aller Welt. Trotz allem. Gerade jetzt. Aus: Westfalen-Blatt vom 24. Dezember 2016
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